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Zeit, flügge zu werden

Noch herrscht volle Betriebsamkeit an der OTH Prüfeninger Straße. Doch spätestens 2020 kehrt Ruhe ein: Nach und nach sollen 1600 Bauingenieure, Architekten und Industriedesigner umziehen in die Seybothstraße. Es ist eigentlich noch zu früh für einen Nachruf - aber an der Prüfeninger Straße verbreitet sich schon jetzt nostalgische Stimmung.

Eindrücke von der OTH in der Prüfeninger Straße (Musik des Beitrags: Inside An Outsider by Speck featuring Xalpheric, aus: ccmixter.org/files/speck/49538).
von Christian Basl

Wenn die Eingangstür nach innen schwingt, riecht es in der Empfangshalle des OTH-Gebäudes an Prüfeninger Straße nach einer eigenartigen Mischung aus Katzenstreu und Altersheim. Doch der Geruch verfliegt schnell, die Luft wird mit jedem Schritt atembarer. Optisch erinnert der Eingangsbereich entfernt an ein Theater der 1920er Jahre - vergoldete Türrahmen und Treppengeländer, die Wände in einem warmen Beige-Ton. Ein bisschen erinnert es aber auch an ein Verwaltungsgebäude der Staatssicherheit: massive dunkelbraune Holztüren, lange Gänge, vereinzelt huschen Gestalten in grauen Anzügen durch die Flure.

Es ist Mitte September, noch ist nicht viel Betrieb im Reich der Bauingenieure, Architekten und Industriedesigner der OTH Regensburg. Doch das neue Semester steht schon vor der Tür - heute ist der erste Einschreibetag. Ein paar Erstsemesterstudenten werfen sich fragende Blicke zu : Wo geht es hier zur Anmeldung? Einige sind überrascht, hier zu sein. In der Prüfeninger Straße.

Zum Beispiel Benjamin: Er beginnt im Oktober sein Studium an der Fakultät für Bauingenieurwesen. Dass es hier im Regensburger Stadtwesten einen OTH-Sitz gibt, weiß er erst seit heute. "Auf der Homepage wirbt die OTH mit den neuen Gebäuden an der Seybothstraße", erzählt er. "Ich dachte auch bis gerade, dass ich dort studieren würde. Erst bei der Einschreibung habe erfahren, dass ich hier in der Prüfeningerstraße studieren werde. Da war ich etwas enttäuscht, aber es ist schon in Ordnung."

Wieso behandelt die OTH den Prüfeninger Bau so stiefmütterlich?

Tatsächlich: Keine Spur vom Prüfeninger Gebäude auf der Homepage der OTH - zumindest auf den ersten Blick. Wieso wird dieses 1953 erbaute, geschichtsträchtige Gebäude so stiefmütterlich behandelt? Schließlich war es lange Zeit das Hauptgebäude der Fachhochschule - bis 1983 war der Komplex auf dem Galgenberg nur das Ausweichgebäude. Doch heute wirkt der Bau vor Allem: Alt. Wie eine leergeräumte Kulisse für einen Historienfilm über die DDR. Als hätte man sie einfach stehen gelassen. Wie ein aus der Mode gekommener Rollkragenpullover, den man nicht wegwerfen will.

Bis 2019 sollen alle Studiengänge an die Seybothstraße verlagert werden. Die Bauingenieure sind die Ersten, die umziehen. Schon 2016 soll das "Haus der Technik" fertig sein, das gerade am Galgenberg gebaut wird. Dann sollen die Architekten und Designer folgen, spätestens 2020 verlässt der letzte Student die Prüfeninger Straße. Die Kosten für die Campusfusion: rund 41 Millionen Euro. Benjamin findet den Umzug gut. "Kann sein, dass die Stimmung hier familiärer ist als oben. Aber vielleicht entsteht ein größeres Zugehörigkeitsgefühl, wenn wir mit den anderen OTH-Studenten zusammen auf einem Campus studieren.

Wirklich zugehörig zum großen Bruder auf dem Galgenberg fühlen sich wenige Studenten in der Prüfeninger Straße. Benjamin hat überhaupt keine Berührungspunkt mit dem Campus an der Seybothstraße. "Nur um meine Kopierkarte aufzuladen, war ich mal oben", sagt er grinsend. Oben. Das Wort benutzt auch Sebastian, wenn er nach dem Campus am Galgenberg gefragt wird. " Nur zum Chemiepraktikum war ich mal oben, in einem Labor. Sonst bin ich immer hier unten.

Sebastian ist immer zufrieden gewesen, "hier unten"

Sebastian ist im fünften Semester seines Studiums, den Umzug der Bauingenieure wird er nicht mehr mitbekommen. Schlimm findet er das nicht. Er ist immer zufrieden gewesen hier "unten". Nur Wahlfächer seien ein Problem. "Die Wahlfächer finden oben statt, im gleichen Takt wie die Pflichtveranstaltungen. Eine halbe Stunde Pause zwischen den Veranstaltungen reicht oft nicht, um rechtzeitig auf den Galgenberg zu kommen. Oft kommt man zu spät oder kann die Kurse nicht belegen." Daher sei es vernünftig, die Gebäude zusammenzulegen. "Auch wenn's schade ist um das Gebäude hier", sagt er und schaut sich um, ein Hauch von Wehmut im Blick. 

Tatsächlich hat der Hochschulbau an der Prüfeninger Straße Charme.Viele Ausstellungsstücke der Architekten und Designer zieren die Wände und Vitrinen. Beinahe wie in einem Museum. Auch die Cafeteria ist angenehm hell und offen, mit Mikrowelle zur freien Verfügbarkeit. Fast wie im Wohnraum einer großen WG. Zugegeben: einer sehr großen. Ungefähr 1600 Studenten essen hier jeden Tag zu Mittag oder unterhalten sich bei einem Becher frischem Kaffee über ihre Projekte und Arbeiten. 

Die OTH Prüfening ist wie ein kautziger Verwandter

Die Mikrowelle steht nicht von Ungefähr in der Nähe der Ausgabetheke. "Das Essen wird nicht hier gekocht", erzählt Sebastian. "Es wird immer von der OTH-Mensa Seybothstraße angeliefert. Meistens ist es warm, manchmal muss man aber nachhelfen." Sagt er und lacht. Als würde er über einen kauzigen Verwandten mit liebenswerten Marotten sprechen. Familiär ist wohl das Wort, das die Stimmung an der Prüfeninger Straße am Besten beschreibt. Warm. Unbestimmt vertraut. Aber es scheint an der Zeit, flügge zu werden. Die Architekten, Industriedesigner und Bauingenieure werden aus ihrem jahrzehntelangen Hort entlassen. Spätestens 2020.

Dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Oben, auf dem Galgenberg.

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